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Mein erster Alleinflug

 

Mein erster Alleinflug

 



Oh Mann, jetzt ist es also soweit. Solange habe ich darauf gewartet, und als wir nach der letzten Landung die Haube öffnen, sagt Walter nur kurz zu mir: „Guat, fliagsch alloi!“ Meine Gedanken überschlagen sich, damit hätte ich heute wirklich nicht mehr gerechnet, auch wenn ich schon längst die notwendige Freigabe eines zweiten Fluglehrers zum Alleinflug habe. Wir schieben unsere ASK-13 zurück zum Start, und ich setze mich auf den vorderen Sitz der D-2332, wie schon viele Male vorher. Den bezeichnenden Namen „Sisyphus“ haben wir unserem Schulungs-Doppelsitzer gegeben. 16m Spannweite hat sie, eine Gleitzahl von 1:27 und diese einmalige Geruchsmischung aus Spannlack, Holz, Aerodux und Schweiß. Bemitleidenswert, wer als heutiger Flugschüler auf GFK-Maschinen das nie erleben darf.

"Konzentriere dich!" Ich schnalle mich mit zitternden Fingern an, mein Fluglehrer Walter sichert hinter mir die Gurte und schraubt den Steuerknüppel des Lehrersitzes heraus. Mach'sch a normale Linksplatzrond' wia grad äbe, a guate Eideilung und kommsch ned ondr hondertachtz'g Meter an'd Position. Das sind die letzten Worte meines Fluglehrers, bevor ich die große Haube schließe und mein Fliegergebet spreche: "Bin fest angeschnallt, sitze bequem, Klappen eingefahren und verriegelt, Trimmung neutral, Höhenmesser auf QNH, Funk ist eingeschaltet, Luftraum frei, alle Ruder freigängig, fertig zum Einklinken". Mein Helfer draußen ruft "Aus", ich ziehe den gelben Knopf bis zum Anschlag, "Ein" erschallt es von draußen, ich lasse los und geräuschvoll rastet die Kupplung ein. Irgendjemand hebt die Tragfläche an, wer es ist, nehme ich nicht mehr wahr. Ein letzter Check, „Achtung, Seilriss“ murmle ich vor mich hin, klopfe neben den Höhenmesser, um zu sehen, ob die Nadel hängt. Seitenruder voll links, Knüppel etwas nach vorne, das Seil ist straff, und schon presst es mich in den Sitz. Nicht zu steil am Anfang, schon automatisch schaue ich nach rechts über den weißen Flügel mit den orangenen Flächenspitzen, um meine Steigfluglage zu kontrollieren. Bei 50 Metern ziehe ich den Knüppel langsam bis zur optimalen Steigfluglage, Fahrt 100 km/h, sehr schön; Richtung halten, Faden wieder in die Mitte holen. Der Zug wird stärker, ich lasse den Knüppel etwas nach und bringe meinen Vogel in Normalfluglage und warte darauf, das der Windenfahrer vom Gas geht. Kaum 2 Sekunden später ein lautes „Klack“, dreimal betätige ich zur Sicherheit den gelben Knopf für die Schwerpunktkupplung, und nun bin ich frei! Ich trimme die Maschine auf 90 km/h aus, fliege eine 90° Linkskurve in den Übungsraum. Etwas Quer- und Seitenruder, und mit Höhe ziehe ich sie rum. „Schee hosch's gmacht“ höre ich Walter aus dem Funkgerät. Aber das ist alles so weit weg, fast 400 Meter unter mir stehen sie nun alle, um mir bei meinem ersten Alleinflug zuzusehen. In dieses unbeschreibliche Glücksgefühl, das erste Mal alleine hier oben zu sein, frei wie ein Vogel, mischen sich Erinnerungen an die Zeit davor:


Vor erst sieben Wochen habe ich mit Segelfliegen angefangen. Eigentlich wollte ich mir nur ein Originalcockpit aus der Nähe ansehen, um meinen 4,5 m Jantar Standard ausbauen zu können (Zwangspause, ist mir doch Peters Angetraute ausgerechnet an meinem Geburtstag mit dem Auto über meinen Sender gefahren ...). Und dann die vielen Leute, die mir vom Segelfliegen vorschwärmen, dieses Kribbeln, im Cockpit einer großen ASW-20 probesitzen zu dürfen. Damals hat mich der Vorstand zu einem Gastflug in einer ASK-21 eingeladen, und zum ersten Male durfte ich ein Flugzeug selber steuern. Was bin ich da rumgeeiert, diese großen Vögel sind ganz schön sensibel ...

Ein Piepen unterbricht die Gedankenflut, mein Vario zeigt 0,5m steigen an - es geht noch was! Mein fünfter Start ist das heute bereits, es ist früher Abend, und die größte Thermik schon vorbei. Ich korrigiere die Schräglage, nicht über 45°, sonst gibt's nen Anpfiff von unten. Etwas Gegenquerruder, um den Faden wieder in die Mitte zu holen, Trimmung etwas zurück, Fahrt 75km/h, wie gelernt. Und wieder fallen mir die vergangenen Flugstunden ein, über 30 sind es jetzt schon, und das ist mein 67er Start insgesamt. Da war mein erster Thermikflug, bei dem mein Fluglehrer Michael Zistler in 1800 Metern Höhe ohne Vorwarnung die ASK-13 ins Trudeln brachte. Die Erde raste plötzlich auf uns zu, und beim abfangen erlebte ich das erste Mal doppelte Erdbeschleunigung. Ich wußte nicht, wie mir geschieht und war schweißgebadet danach, aber ich hatte es wohl durch meine Bemerkung „Ich will später auch Kunstflug machen“ heraufbeschworen.

„Ingo, du hast hier andere Sachen zu tun!“ ermahne ich mich selbst. Ich bin immernoch auf 350 m Höhe und kreise südlich des Platzes. Mal rechtsherum, mal linksherum. Kein Fluglehrer sagt mir, wo es hingehen soll, ich muß meine Einteilung selber machen. Die Maschine steuert sich viel leichter als sonst, sensibler kommt sie vor. Weiß sie, das ich gerade zum ersten Male alleine fliege und will mir helfen??

 

 

Ingo bei seiner ersten Landung allein

Meine erste Landung allein - Aufsetzen vor der Schwelle...


Vor drei Wochen schon hat mich mein anderer Fluglehrer auf die Probe gestellt, ohne Vorwarnung hat er beim Windenstart in 40 Meter Höhe das Seil „rausgeworfen“ und nur gerufen: „Seilriss“. Viel Zeit bleibt da nicht. Nachdrücken, Fahrt aufholen, Klappen ziehen und wieder runter und möglichst sanft landen; wohl für jeden Flugschüler das Zeichen, das es bald soweit ist.

Der unerbittliche Funkspruch von unten: „Ingo, jetzt kommsch na Hoam!“. „Drei-zwo verstanden“ bestätige ich und mache mich schweren Herzens auf den Weg zum Meldepunkt, der Position. Ich lege die ASK gerade, Trimmung wieder nach vorne, 10% mehr für den Landeanflug. In genau 180 m überquere ich den Gutshof, der da unten liegt, und melde mich mit „Delta-zwo-drei-drei-zwo zur Landung“ beim Flugleiter an. Dieses kleine Waldeck ist meine Markierung, ich höre meinen Fluglehrer noch: „Do drähsch romm, no passt
's scho!“ Bei 140 m drehe ich in den Queranflug und entriegele die Bremsklappen. Nun über die linke Tragfläche schauen, noch etwas weiter, bei exakt 100 m drehe ich in den Endanflug ein; So, Landeklappen etwas ziehen, ein Schütteln geht durch die Maschine, das Vario fällt auf –2 m/s, und gleichzeitig geht mir die Fahrt auf 85 km/h. Zu langsam, etwas nachdrücken. Vor Anspannung halte ich die Klappen fest, Walter ruft noch „Ingo, koine Kurzlandung mache“ über den Funk, aber der Wald, über den ich reinlanden muss liegt schon hinter mir und ich schaue wie gebannt nach vorne, um den richtigen Punkt zum abfangen nicht zu verpassen. Die Kameraden, die an der Seite stehen, fliegen förmlich vorbei als ich noch vor der Schwelle meinen Abfangbogen beginne. Langsam ziehe ich den Knüppel bis zum Bauch zurück und nehme ihr solange die Fahrt, bis sie nicht mehr anders kann und gleichzeitig mit Sporn und Hauptrad aufsetzt. Klappen einfahren, Richtung mit dem Seitenruder und die Fläche oben halten, bis mein Vogel zum Stillstand gekommen ist. Fast zum Ende noch einmal ins Seitenruder treten, und mit der letzten Fahrt rollt sie rechts auf den Rückholstreifen. Die linke Fläche senkt sich langsam, Querruder auch nach links, sonst schlägt das Ruder auf - ich bin wieder am Boden. Ich öffne die Haube, viel zu schnell ging das alles vorbei. Walter kommt mir mit dem Funkgerät in der Hand entgegen und klopft mir lachend auf den Rücken: „Ond, wia war's?“ Noch zweimal fliege ich an diesem Abend alleine, um meine A-Prüfung zu vervollständigen, dann darf ich endlich in mein Flugbuch eintragen:



 

25.7.1992, Muster: ASK-13 , Kennzeichen: D-2332 , Flugzeugführer: I.Seibert , Begleiter: ---- Start: 18.15 , Landung: 18.22, Bemerkungen: ERSTER ALLEINFLUG




Den Abschluss des Tages bildete dann die traditionelle Zeremonie, in der dem frischgebackenen Jungadler zur Sensibiliserung der Fingerkuppen („den Knüppel immer schön sanft anfassen“) einen Strauß, bestehend aus Disteln, Brennesseln und ähnlichen Gewächsen überreicht wird, nebst anschließendem Strammziehen des Hosenbodens über der Flugzeugnase, um dem Flugschüler auf diese nicht sonderlich angenehme Weise das Gefühl für die Thermik „einzuverleiben“.


Die Zermonie

Das gehört dazu - Die "Zeremonie"


 

Glücklicher Jungadler mit BrennesselstrauchGeschafft, nur der Brennessel-Strauch piekt


Auch wenn bei jedem Start oder bei jedem neuen Flugzeugtyp ein Kribbeln in der Magengegend vorhanden ist, so ist doch nichts mit diesem Gefühl zu vergleichen, zum ersten Male alleine geflogen zu sein ...

 

 

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